Hotels in der Corona-Krise: Abwarten und Aussitzen?



VDH-Buch-Tipp

«Strategisches Marketing in der Hotellerie»

 

Autoren: Dr. Michael Betz und Dr. Philine Betz-Werner

Herausgeberin: Vereinigung diplomierter Hoteliers-Restaurateure (VDH)

ISBN: 978-3-033-06822-3 

Preis: CHF 79.00 zzgl. Versand

 

Das Buch bietet einen praxisorientierten Leitfaden, mit dem eigenständig und effizient ein neues professionelles und wirksames Konzept erarbeitet werden kann. 

 

Es ist unter www.shop.vdh.swiss erhältlich.


«From Business to Leisure»

Ich bin überrascht, als ich im 4-Sterne-Business-Hotel morgens um 8 Uhr von einer «Horde» tobender Kinder fast überrannt werde. Jetzt erst merke ich, dass bei den Frühstückstischen Kinderhochstühle stehen und im Foyer eine Tiefkühltruhe mit «Stängeli-Glacé» für unsere Jüngsten zur freien Entnahme steht. Nicht, dass es mich stören würde, ich liebe fröhliche Kinder und ihr ausgelassenes Lachen, aber hier hätte ich es zuletzt erwartet.

 

«Ja, das Hotel wird derzeit von Familien mit Kindern gebucht», erklärt der Hoteldirektor, «Das hat uns gut über den Sommer gebracht. Wir sind vom Business-Hotel innerhalb von einer Saison zum Leisure-Hotel geworden. Das Hotel ist gar nicht dafür ausgestattet.» Und was kommt in den nächsten Monaten? Wie positioniert ihr euch? Wie kommuniziert ihr nach Aussen? Wie sieht das Marketing aus? Sind auf euren Social-Media-Posts Sitzungsräume mit Laptops und Flipcharts zu sehen – oder Kinderspielräume mit lachenden und glücklichen Kindern – oder beides. Geht das? Die Fragen überschlagen sich in meinem Kopf. 

 

«From Hero to Zero»

Die Hotelbesichtigung im 5-Sterne-Luxus-Hotel ist spannend. Vor zehn Jahren wurde dieses Luxushotel neu gebaut und eröffnet – trotz anfänglicher Skepsis auf dem Markt, wurde es gut aufgenommen und konnte sich in der Branche einen Namen machen. Verschiedene Zimmerkategorien stehen zur Auswahl – Kingsize-Betten, grosszügige Räume und Panoramablick sind Standard. Nutzung des Fitness- und Spa-Bereiches sind im Zimmerpreis inklusive. Der Preis pro Nacht? Ich wage kaum zu fragen. «Zurzeit bewegen wir uns bei CHF 130.– für ein Doppelzimmer mit Frühstück», erklärt der General Manager betrübt, der uns durch die leeren Hotelzimmer führt. Nein, diese Antwort hätten wir nicht erwartet und sie stimmt auch keinen der Besichtigenden fröhlich. Kann das funktionieren? «Ja, es ist im Moment nicht einfach. Die Auslastung liegt bei unter 10 Prozent. An jedem Tag, an dem wir offen sind, schliessen wir mit einem Verlust ab. Jede Mitarbeiter-Stunde muss gerechtfertigt werden. Ich weiss nicht, wie lange das noch geht.»

 

«The Most Top Selling Summer Ever»

«Ja, es war der umsatzstärkste Sommer, an den ich mich erinnern kann. Wir wurden regelrecht überrannt. 90 Prozent unserer Gäste waren Schweizer, die in diesem Jahr nicht ins Ausland reisen wollten oder konnten. Deshalb haben sie ihre Sommerferien in den Schweizer Bergen verbracht», berichtet der Geschäftsführer des 3-Sterne-Hotels. An der Umsatz-Steigerung freut man sich nur bedingt, denn die Mitarbeiterkosten sind durch die strengen Richtlinien, den verschärften Hygiene-Standards und dem zusätzlichen administrativen Aufwand stark angestiegen. Ausserdem sind zusätzliche Investitionen notwendig, um auch alle Vorgaben des BAG und der Gastronomieverbände einhalten zu können. Was erwartet die sogenannten Gewinner-Hotels in den kommenden Jahren? Werden die Gäste den Schweizer Ferienorten, die sie nun lange genug bereist haben, den Rücken kehren, sobald die volle Reisefreiheit wieder vollkommen hergestellt sein wird? Und werden unbefangene Reisen in fernere Orte nächstes Jahr denn überhaupt möglich sein? 

 

Muss man sich bereits jetzt Gedanken über eine neue Positionierung machen? Soll man abwarten, bis die sogenannte «Corona-Krise» endgültig vorbei ist? Die Antwort ist ganz klar: «Nein! Spätestens jetzt ist es an der Zeit, sich mit der eigenen Marke intensiv zu beschäftigen und sich (neu) zu positionieren. Abwarten und Aussitzen ist die falsche Strategie.»

 

Das Buch «Strategisches Marketing in der Hotellerie» von Dr. Michael Betz & Dr. Philine Betz-Werner, kann ein guter Begleiter für den Prozess sein. Schon im 1. Kapitel ist man gefordert, den Markt zu definieren. Dabei geht es in erster Linie um Gästebedürfnisse, Trends und Zukunftspotenzial. 

 

Der veränderte Markt: Neben den bekannten üblichen Veränderungen ist seit Frühjahr 2020 unter anderem «Social Distancing», das neue Gästebedürfnis nach Abstand und Distanz, dazugekommen. Dieses wird auch in Zukunft wichtig sein. Möglicherweise werden die gesetzlich geregelten Mindestabstände eines Tages wieder aufgehoben. Aber die bis dahin zur Normalität gewordenen Gewohnheiten werden zu einem gewissen Teil bleiben oder sich nur langsam auflösen. 

 

Das veränderte Marktumfeld: Dazu gehören unter anderem Mitbewerber. Diese können mehr denn je eine existenzielle Bedrohung darstellen. Ein 5-Sterne-Hotel, zum Beispiel, das mit seinen Preisen ein 3-Sterne-Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft unterbietet, hat kurzfristig die besseren Karten bei den Buchungen und kann langfristig beide in den Ruin treiben. 

Trends: Neben den bekannten Trends, die uns geläufig sind, hat sich nun etwas «Neues» innerhalb von wenigen Monaten manifestiert, das jeden Mega-Trend in den Schatten stellt. Es hat unseren Alltag, unsere Kommunikationsformen, unsere Art wie wir leben, arbeiten, fühlen und denken verändert: «Corona». 

 

Natürlich ist «Corona» kein Trend im klassischen Sinne, aber wenn es um die strategische Positionierung eines Unternehmens geht, muss es im neuen Betriebskonzept und im Marketingplan einen wesentlichen Platz einnehmen. Und weil «Corona» die ganze Gesellschaft mit all ihren Facetten verändert, ist «Abwarten und Aussitzen» jetzt die falsche Strategie.