«Sonder-BAR»

Eine etwas andere Presseschau

Hofstetten: Trauffer und die ­«Hotelkuh»

Die Zeitschrift «Volkswirtschaft, Plattform für Wirtschaftspolitik» publizierte 2021 ein Heft zum Thema «Swissness: Der Wert der Marke Schweiz». Auf der Titelseite posierte selbstverständlich eine Kuh. «Die Schweizer Kuh. Kult und Vermarktung eines nationalen Symbols.» Das ist der Titel eines wundervollen Buches von Marc Valance aus dem Jahr 2013. Darin beschreibt er die «Heimatkuh», die «Politkuh», die «Medienkuh», die «Souvenirkuh», die «Spiel- und Sportkuh» und die «Kunstkuh». Für eine nächste Auflage könnte diese Sammlung mit einer weiteren Kuh-Spezies ergänzt werden: die «Hotelkuh».


Mit seiner Frau Brigitte hat der Musiker und Unternehmer Marc Trauffer im Juni in Hofstetten bei Brienz das Bretter-Hotel eröffnet. Dort dreht sich sehr viel um die Holzkuh, von denen Unternehmer Trauffer vor Corona jährlich eine halbe Million Stück verkaufte. Das Bretter-Hotel, eine Mischung aus Holzhandwerk, Oberland-Tradition und «ein wenig Disneyland», überzeugte bereits vor der Eröffnung. Im Herbst 2021 erhielt das Konzept «Bretterhotel – Trauffer Erlebniswelt» den Hotelinnovationsaward von GastroSuisse.


Der Ruf der Schweizer Kuh, das «Goldstück auf Beinen» (Valance) und damit ein «Wohlstandsgarant» der Schweiz zu sein, diesen Ruf wollen die Trauffers mit ihrem Hotel bestätigen. Auch wenn Marc Trauffer, wie er unumwunden eingesteht, weder über Erfahrungen in der Hotellerie noch in der Gastronomie verfügt. «Wir haben uns das Wissen selber beigebracht.» Und er will weiter lernen. Niemand zweifelt, dass das mit dem Hotel gelingt. Sein «integriertes Marketing», sein Erfolg als Musiker und Unternehmer, das Berner Oberland und die Holzkühe sind ein guter Mix für das «Kuh-Hotel» beziehungsweise Bretter-Hotel, damit es tatsächlich ein «Wohlstandsgarant» werden kann, wenn auch nicht gerade für die ganze Schweiz. (vgl. Der Bund, «Dä mit de Chüe», 4.6.2022)


St. Moritz: Klassisch vs. sprudelnd

Im Kanton Graubünden gab es kürzlich eine klare politische Arbeitsteilung. Das eigentlich beschauliche Davos ist das «Mekka» der Weltwirtschaft mit dem Weltwirtschaftsforum. Es diskutiert die grossen Fragen und grossen Visionen für die Welt. Das eigentlich mondäne St. Moritz widmet sich eher der Lokalpolitik. Bei den letzten Wahlen für das St. Moritzer Gemeindepräsidium im Juni stand in gewissem Sinne auch die «Welt» gegen das «Lokale».


Christian Jott Jenny, der amtierende Präsident, schaffte nach der ersten Amtsperiode die Wiederwahl. Dies obwohl ihm im Vorfeld der Wahlen vorgehalten worden ist, wenig dossierfest, extravagant, kein Mikromanager und nicht der erste Verwalter in der Gemeinde zu sein. Stattdessen «sprudle und strahle» er als «Aussenminister für St. Moritz» und «wirble» wie ein «kleiner Tornado» durch die Schweiz. Jenny selbst beschrieb seine erste Amtszeit als «zermürbenden Kampf gegen die politisch Eingesessenen». Dennoch wurde er mit einem Vorsprung von 113 Stimmen gewählt.


Sein Kontrahent hatte klassisch für sich geworben. Eine Verwaltungsreform sollte angepackt und St. Moritz als «attraktiver Arbeits-, Wohn- und Ferienort» weiterentwickelt werden. Die NZZ kommentierte die Wahl des alten und neuen Gemeindepräsidenten in einem Satz und liess einen Champagnerkorken knallen: «St. Moritz bevorzugt Christian Jott Jenny, diesen Champagner aus dem Wasserglas: nicht klassisch, nicht ganz passend, aber eben sprudelnd.» (vgl. NZZ, Christian Jott Jenny schafft die Wiederwahl, 13.6.2022)


Homeoffice: Braunlage schlägt Ibiza

Braunlage, ein Ort mitten im norddeutschen Harz und zugleich am Ende der Welt. Dort steht das Hearts-Hotel. Entstanden ist das Boutique-Hotel aus einem ehemaligen «bieder anmutenden Schulungszentrum» eines grossen Unternehmens. Es ist erfolgreich. Sein Konzept, das Ergebnis der Pandemie, ist einfach, um nicht zu sagen simpel. Das Zauberwort heisst «Workation» – eine Mischung aus Arbeit («work») und Ferien («vacation»). Neben dem gemütlichen, einfachen Arbeitsplatz gilt das «Berg-Du».


Das Haus erlebt mit seinem Homeoffice-Hotel-Konzept einen wahren Hype. Hier arbeiten und urlauben viele Selbständige. Sie rühmen das konzentrierte Arbeiten, die Stadtflucht und die «Unternehmenskultur», die von Hotelführung und Hotelgästen gelebt werde. Zudem zitiert die FAZ einen Gast, der sich zum Arbeiten schon öfter nach Ibiza zurückgezogen hatte und dort unzufrieden war, weil er weder Pool noch Strand nutzen konnte. In Braunlage könne er sich fokussieren, ohne sich ständig zu fragen, «was mache ich nicht». «Wenn ich sehr viele Möglichkeiten habe – wie auf Ibiza –, komme ich permanent ins Überlegen.» Hier muss er nicht überlegen. Er kann arbeiten, «ohne immer noch anderes zu tun», wie im Homeoffice. Das ist «Workation» – ein Erfolgsmodell. (vgl. FAZ, Hängematte oder Harz, 7.5.2022)

Rheinau: Hotelier Christoph Blocher

Die Stiftung Musikinsel Rheinau, von Christoph Blocher mit 20 Millionen Franken dotiert, betreibt erfolgreich. Dieses Jahr schreibt die Musikinsel voraussichtlich eine «schwarze Null». Für das nächste Jahr ist sie bereits ausgebucht, denn Laienorchester wie Volksmusikanten schätzen diesen idyllischen Rückzugsort zum Üben. Neben den 16 Proberäumen gibt es einen Musiksaal mit 120 Plätzen. Ein Hotelbetrieb mit 63 Zimmern und 133 Betten ermöglicht den Übenden einen angenehmen Aufenthalt.


Weil das «Experiment Musikinsel geglückt» sei, brauchte der Hotelbetrieb nun mehr Platz, erklärten Christoph Blocher und seine Tochter Rahel Blocher, Vizepräsidentin des Stiftungsrats Musikinsel Rheinau, an einer Pressekonferenz. Ohne «weiteren Ausbau in räumlicher Hinsicht sei das Projekt in Zukunft nicht lebensfähig», erläuterten die beiden. Das sind die Sorgen und Nöte von Hotelier Christoph und ­Hotelière Rahel Blocher. Vor 2029 muss eine Lösung gefunden werden. Dann läuft der Vertrag der Stiftung Museumsinsel Rheinau mit dem Kanton Zürich aus. Mit Musikgehör bei allen Beteiligten sollte es eigentlich klappen. (vgl. NZZ, Museum kommt Christoph Blocher in die Quere, 1.7.2022)

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