Urs Karli, Hotelier


PROF. DR. MARCO A. GARDINI

ist Prodekan der Fakultät Tourismus an der Hochschule Kempten und Professor für Internationales Hospitality-Management und Marketing. Er ist stellvertretender Institutsleiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus und engagiert sich in verschiedenen Beiräten diverser privater Unternehmen und öffentlicher Institutionen.


DIE ZUKUNFT BEGINNT JETZT

Auch wenn es vor dem aktuellen Hintergrund der Existenznöte zahlreicher Unternehmen, der grossen Verunsicherung in weiten Teilen unserer Gesellschaft und auch der persönlichen Ängste merkwürdig erscheinen mag: Jetzt ist dennoch ein guter Zeitpunkt, um in die Zukunft zu blicken. Denn nun, da wir aus dem vollen Lauf vom Corona-Virus gewissermassen zwangsentschleunigt wurden, gibt es – neben aller Sorge um das Hier und Heute – den ein oder anderen Moment, um über das Morgen nachzudenken.

 

Zugegeben, einen solch «schwarzen Schwan» wie das Corona-Virus und den darauffolgenden Eingriff in die wirtschaftliche Autonomie zu verkraften, war erst einmal ein Schock, zumal man hier auf keinerlei unternehmerische Erfahrungswerte zurückgreifen konnte. Aber auch wenn man sich auf einen «schwarzen Schwan» nicht wirklich vorbereiten kann, so kann doch aus ihm gelernt werden. Denn der «schwarze Schwan zeigt Schwächen und Unzulänglichkeiten von Systemen und Organisationen auf. Er zeigt, dass bestimmte Risiken bisher unterschätzt wurden. 

 

Systematisches und strategisches Handeln

So ist offenbar die Krisenresilienz in weiten Teilen des Gastgewerbes nicht sonderlich ausgeprägt, ein Risikomanagement im klassisch betriebswirtschaftlichen Sinn nur selten institutionalisiert. Beklagt man nun die aktuell drohenden Insolvenzen in Hotellerie und Gastronomie oder allgemein das «Wirtshaussterben» oder die hohe Floprate gastgewerblicher Konzepte, sollte die Lehre für uns als Branche zukünftig sein, sich fundierter, systematischer und strategischer mit langfristigen Einflüssen und Veränderungen der externen und internen Unternehmensumwelt auseinanderzusetzen. Das Gastgewerbe hat in der Vergangenheit viel dafür getan, immer leistungsfähiger zu werden – es wurde grösser, schneller, produktiver. 

Wollen wir die Welt von gestern wiederhaben?

Eine wichtige Frage wird dabei sein, was für uns als Mensch, Gast, Unternehmer von Wert ist oder zukünftig von Wert sein sollte. Wollen wir die Welt von gestern wiederhaben? Möglicherweise nicht, denn so zufrieden waren wir ja damit anscheinend nicht, wie insbesondere die jüngere Generation das mit Blick auf den Klimawandel nachdrücklich kundgetan hat. Wollen wir nach Corona tatsächlich wieder da anfangen, wo wir aufgehört haben? Wollen wir tatsächlich lieber «Business as usual» und uns mehr oder weniger ambitioniert den Problemen des Overtourism, den Folgen des Klimawandels, der Flugscham, dem Ausverkauf der Heimat oder dem traurigen Branchenimage widmen, oder wollen wir lieber diese «Stunde null» nutzen, um direkt über eine nachhaltige, digitale und zukunftsfähige Agenda im Gastgewerbe zu diskutieren? 

 

 

Ich persönlich würde mir für die Zukunft des Gastgewerbes wünschen, dass die Versöhnung von Wertschöpfung und Wertschätzung gelänge, dass wir also eine neue Achtsamkeit dafür an den Tag legen, womit und wie wir Geld verdienen.

 

Für mich heisst das, dass diejenigen Betriebe gestärkt aus der Krise hervorgehen, denen es gelingt, ihre Zeit und ihre Ressourcen sinnvoll zu nutzen, um sich bestmöglich für die Zeit danach aufzustellen. Aus Nachfragesicht würde ich mir wünschen, dass wir als Kunden und Gäste ebenfalls eine neue Achtsamkeit an den Tag legen und stärker darauf achten, was wir wo in welcher Qualität kaufen.

 

Hinweis: Die hier publizierte Kolumne ist als Erstveröffentlichung in der der deutschen Fachzeitung AHGZ erschienen (Juni 2020).