MIT GUTEM GEWISSEN NACHHALTIG GENIESSEN

Befinden wir uns auf dem richtigen Weg, um die Vielfalt der Alpenregionen auch in Zukunft erleben zu dürfen? Das ist eine Frage, die Anita Gschwind umtreibt. Hotelier sprach mit ihr am 28. TFA Tourismus Forum Alpen­regionen in Flims darüber, ob und weshalb sich der schonende Umgang mit den Ressourcen in Hotellerie und Gastronomie bezahlt macht.

 

Interview: Claudia Balzli-Leone 


Für viele Hotels ist Nach­haltigkeit nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern eine Philosophie. Sie setzen sich tagtäglich mit einem bewussten und respekt­vollen Umgang mit den Ressourcen auseinander. ibex fairstay, das führende Nachhaltigkeitslabel der Schweiz, unterstützt dieses Bewusstsein mit Zertifizierungen. Aktuell tragen 60 Betriebe das Label von ibex fairstay.

 


ZUR PERSON

Anita Gschwind ist diplomierte Restaurateur-Hotelière HF, Erwachsenenbildnerin und ausgebildete Köchin. Seit August 2016 leitet sie die Geschäftsstelle von ibex fairstay, dem führenden Nach­haltigkeitslabel der Schweiz für die Beherbergungsbranche.


Hotelier: Just vor einem Monat haben Sie das Seminarhotel Lihn in Filzbach mit der Glanzleistung ibex fairstay platinum ausgezeichnet …

Anita Gschwind: Ja, das ist die neueste erfolgreiche Erstzertifizierung. Die Freude im Kader, bei den Mitarbeitenden und der Genossenschaftspräsidentin ist spürbar, und sie sind bereits mit neuen Ideen in den Startlöchern. Gäste schätzen es, mit Blick auf die Gemüsefelder das Mit­­einander mit dem hohen Anteil an Biolebensmitteln und den Menschen mit Beeinträchtigungen wahrzunehmen.

 

Hotelier: Wie schätzen Sie die Nachhaltigkeits-Performance in der Schweizer Hotellerie ein?

Gschwind: Erfolgreiche Hoteliers setzen sich schon heute tagtäglich mit einem bewussten und respektvollen Umgang mit den Ressourcen auseinander. Es ist viel Potenzial da! Auch bei Reisenden bildet die Nachhaltigkeit ein an Wichtigkeit zunehmendes Entscheidungskriterium. Mitarbeitende und Gäste sind sensibilisiert, und mit der Zertifizierung verstärken wir dieses Bewusstsein. Aktuell tragen 60 Betriebe das Label von ibex fairstay, und diverse Beherbergungsbetriebe stehen im Zertifizierungsprozess. Es ist er­­freulich, dass immer mehr Hotels, Hostels, Heime und Kliniken entschlossen diesen Weg beschreiten. Umso dankbarer werden dereinst unsere Kinder und Enkel dafür sein. 

 

Hotelier: Wodurch hebt sich ibex fairstay von anderen Schweizern Qualitätslabeln ab?

Gschwind: ibex fairstay ist das führende Schweizer Gütesiegel für Nachhaltigkeitsmanagement in Beherbergungsbetrieben und gleichzeitig eine weltweit einzigartige Branchenlösung. Wir bieten ein eigentliches Management-Tool, das den Betrieb über die Zertifizierung hinaus begleitet. Wir gehen auf die Besonder­heiten der Hotellerie und Parahotellerie ein und zeichnen Betriebe aus, die ihre Verantwortung für nachhaltiges Wirtschaften überdurchschnittlich gut wahrnehmen. Die ganzheitliche Zertifizierung überprüft die fünf Dimensionen Ökonomie, Ökologie, Soziales, Management und Regionalität.

 

Hotelier: Können Sie uns dazu je ein Beispiel nennen? 

Gschwind: Nachhaltiges Verhalten ist die unabdingbare Voraussetzung für be­ständigen wirtschaftlichen Erfolg. Während sich Umweltbewusstsein im sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen zeigt, wird eine soziale Balance aufgrund des Fachkräftemangels immer wichtiger. Im Management sind Leadership und Innovation gefragt. Damit die Einheimischen einen effektiven Nutzen vom Tourismus haben, wird in Regionalität investiert. In allen fünf Bereichen sollen Transparenz erarbeitet und gewahrt sowie Versprechen gegenüber Kunden, Lieferanten und Mitarbeitenden eingehalten werden. So kann sich ein Betrieb durch Qualität und Nachhaltigkeit abheben und wird zum Geheimtipp.

 

Hotelier: Nachhaltigkeit hat viel mit Vertrauen zu tun. Produkte und Preise sind vergleichbar; wie messen Sie Nachhaltigkeit? 

Gschwind: Die weichen Faktoren sind direkt spürbar; der Gast fühlt sich von Anfang an wohl und wird rundum freundlich begrüsst und bedient. Qualität muss (vor-)gelebt werden, damit die Gäste sie erleben können. Mitarbeitende werden eng in die Qualitätsarbeit eingebunden, durch Schulung sensibilisiert und motiviert. Um nachhaltiges Handeln zu er­­kennen und Ziele zu überprüfen, die sich die Betriebe für eine nachhaltige Entwicklung gesteckt haben, spielen unsere Indikatoren eine wichtige Rolle. Bei der Auszeichnung sind drei voneinander unabhängige Stellen involviert.

 

Hotelier: Am Tourismus Forum ging es auch um Greenstyle am Berg und um die Frage, ob Nachhaltigkeit mehr als ein Marketing-Gag ist. Honoriert der Gast einen verant­wortungsvollen Umgang mit der Umwelt und den Ressourcen?

Gschwind: Heute kann es sich niemand leisten, nicht über Nachhaltigkeit nachzudenken. Ja, Gastgeber dürfen und sollen mit ihrem Engagement werben, sei es auf der Website oder dem Briefpapier, in der Zimmermappe oder eloquent beim Gästeapéro. Wenn der Gast den Daumen hebt, kann ein Hotelier oder Gastronom mit seinem Nachhaltigkeitskonzept zufrieden sein. Wunderbar, wenn dem Gast und der Öffentlichkeit der Umweltstandpunkt des Betriebs und dessen konsequente Umsetzung deutlich gemacht werden. Gelingt dies, gibt es Pluspunkte in Sachen Glaubwürdigkeit der betrieblichen Bemühungen – und beim Gast durchaus auch eine gewisse Preistoleranz nach oben.

 

Hotelier: Am Forum referierte Pater Dr. Hermann-Josef Zoche eindrücklich über Sinn und Glück als Faktoren der Nachhaltigkeit. Mit seinem Votum «Um nachhaltig Business zu machen, muss man den Zusatznutzen beziehungsweise den Mehrwert erkennen» muss er Ihnen aus dem Herzen gesprochen haben. 

Gschwind: Ja, seine Rede hat mich be­­eindruckt. Es scheint reizvoll und sinnig, die Nachhaltigkeits- mit der Glücksfrage zu verbinden. Wahres Glücks­empfinden ist nicht an Konsum gebunden, sondern an das, was berührt. Regio­nalität, Authentizität, eine intakte Natur, das Erhalten und Zelebrieren kultureller Wurzeln – kaum eine Branche lebt so sehr von diesen Komponenten wie die Hotellerie. Im Menschen soll diese ­Sehnsucht nach echtem (Natur-)Erlebnis mit allen Sinnen geweckt werden. Erst dann verspricht eine Auszeit Erholung pur, und wir finden die besonderen Er­­lebniswerte.

 

Hotelier: Kann Nachhaltigkeit auch ohne Zertifizierung gelingen?

Gschwind: Veränderungen passieren nie von jetzt auf gleich. Nachhaltigkeit muss entwickelt werden; wichtig ist, dass sie überhaupt zum Thema gemacht und als Ziel im Betrieb verankert wird. Wir geben dazu Inputs und kreieren gemeinsam Ideen. Im Alleingang passiert das nicht gleich effizient und kreativ.

 

ibex fairstay zeichnet Hotels, Hostels, Heime und Kliniken aus, welche ihre Verantwortung für ein nachhaltiges Handeln überdurchschnittlich gut wahrnehmen. Das Zertifizierungskomitee setzt sich aus Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Tourismus zusammen. Sie prüfen den Antrag des Auditors und entscheiden über die Auszeichnung und das Auszeichnungsergebnis.

 

ibexfairstay.ch