Warum die Weine des drittgrössten Weinkantons der Deutschschweiz so wenig bekannt sind

Weine aus dem Aargau?

Der Aargau verfügt über eine Rebfläche von 400 Hektaren, die von 800 professionellen Winzern und Hobby-Weinbauern bewirtschaftet werden. Damit ist der Aargau nach Zürich und Schaffhausen der drittgrösste Weinkanton der Deutschschweiz. Doch warum sind die Weine des Aargaus so wenig bekannt?



Die ersten Funde der Weinkultur im Aargau stammen aus den Römerlagern von Windisch,Augst und Zurzach. Hier wurden Vasen, Schalen und Trinkgefässe gefunden, deren Abbildungen auf Weinbau in der Gegend schliessen lassen. Aber auch der Ursprung einiger Begriffe wie «Wein», «Kelter » oder «Torkel» geht auf die Römer zurück.

 

Aargauer Weine vor dem Wallis!

Es ist den Klöstern und adeligen Schichten zu verdanken, dass der Weinbau im Mittelalter nicht unterging. Die Rebflächen wurden sogar laufend ausgedehnt und erreichten Ende des 19. Jahrhunderts einen Höchststand. Haben Sie gewusst, dass im Jahr 1860 der Aargau mit einer Rebfläche von rund 2700 Hektaren eine um 500 Hektaren grössere Fläche bewirtschaftete als das Wallis zur damaligen Zeit? Ende des vorigen Jahrhunderts führten aus Übersee eingeschleppte Krankheiten und Schädlinge zu einem massiven Rückgang der Rebfläche. Besonders die Reblaus zerstörte den weitaus grössten Teil unserer Rebberge. Gleichzeitig gerieten unsere Weine als Folge des zunehmenden Handels durch billigere und oftmals alkoholreichere ausländische Produkte immer mehr unter Druck. Der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Bauboom führte ausserdem dazu, dass manch schöner Rebberg an sonniger Südlage einem schmucken Einfamilienhaus weichen musste. So verschwand der Rebbau in diesem Gebiet fast völlig.

 

Wo steht der Weinbau im Kanton Aargau heute?

Das drittgrösste Weinbaugebiet in der deutschen Schweiz – nach Zürich und Schaffhausen – umfasst knapp 400 Hektaren Rebfläche. Die Weingärten sind wie in der Ostschweiz üblich auf viele Gemeinden, Lagen und Parzellen verteilt. Rund 750 bis 800 Winzer und Winzerinnen bewirtschaften in den sieben Weinbauregionen des Aargaus die Reben in 72 Rebbau-Gemeinden. Der Wein wird in elf Genossenschaften, elf Weinhandlungen und in etwa 57 Selbstkelterbetrieben verarbeitet.

 

Welche Rebsorten sind im Aargau verbreitet?

Es sind derzeit im Aargau 46 verschiedene Rebsorten zugelassen. Noch ist der Kanton Aargau zu zwei Dritteln mit blauen Sorten bestockt. Ein Drittel entfällt auf die weissen Sorten. Mit rund 234 Hektaren Rebfläche nimmt der Blauburgunder (Pinot noir) bei den roten Weinen eine Spitzenposition ein. Seine besten Weine stammen von den Steilhängen

an den Flüssen Aare und Limmat und aus kleinen Seitentälern des Tafeljuras. An zweiter Stelle dürfte die Rebsorte GxR (Gamay x Reichensteiner) liegen (74 ha), gefolgt von Regent (36,4 ha), und Diolinoir (16,9 ha). Bei den Weissen ist der Riesling x Silvaner (Müller-Thurgau) mit rund 107 Hektaren führend vor Pinot gris (49,8 ha), Chardonnay (47,3 ha), Sauvignon blanc (45 ha), Kerner (19 ha) und Gewürztraminer (14 ha). Der populäre Räuschling ist massiv zurückgefallen von rund 84,5 Hektaren im Jahr 1999 zu 11,4 Hektaren im Jahr 2013.

 


Winzer-Porträt: Patrik Nauer (Bremgarten)

«Dem Aargauer Wein gehört unser Herz»

 

«Wir sind auf mehr als nur einer Ebene ein atypischer Betrieb für den Aargau. Die Rebberge, die uns die Trauben liefern, gehören uns nicht, daraus machen wir kein Geheimnis. Wir praktizieren eine strikte Arbeitsteilung, wie sie in anderen Branchen üblich ist. Niemand würde

sagen, dass Mercedes ein schlechtes Auto ist, nur weil mehr als die Hälfte der Teile von Zulieferern stammt. Wir arbeiten enger mit unseren Rebbauern zusammen, als man dies üblicherweise kennt. Die Winzer sind für uns wie eine betriebsinterne Abteilung. Ich kann garantieren,

dass sie zu hundert Prozent auf Qualität aus sind. Sie werden dafür nach einem ausgeklügelten System bezahlt. Wir sind auch dauernd im Rebberg, um zu kontrollieren und zu beraten. Es ist nicht etwa

so, dass wir die Traubenproduktion einfach outsourcen.» Wenn Patrik Nauer von anderen Branchenspricht, weiss er Bescheid. Obwohl

er ein Spross der Familie ist, die seit 1893 in Bremgarten Wein produziert, hat er zunächst Betriebs- und Volkswirtschaft studiert und eine Bankenlaufbahn beschritten. Er bezeichnet sich als Quereinsteiger,

sieht aber durchaus Vorteile in seinem Werdegang: «Man schaut eine

Branche anders an, wenn man von aussen kommt.» Familienbetrieb in vierter Generation Bremgarten liegt nicht in einem Kerngebiet des Aargauer Weinbaus. Deshalb wurde das Haus Nauer 1893 als Mischbetrieb gegründet, der auch mit Baumaterialien handelte. Eine Brennerei gehörte ebenfalls dazu; sie wurde vor zwanzig Jahren aufgegeben. Wichtigwar die Anbindung an die Eisenbahn, das Haus verfügt über einen eigenen Gleisanschluss. Das fiel ins Gewicht, weil man

schon früh Wein importierte. Mit der zweiten Generation erfolgte die Konzentration auf Wein und Spirituosen. Patrik Nauer führt die Firma in vierter Generation. «Es ist erfreulich, dass der Betrieb in der Familie geblieben ist. Dies wird auf verschiedenen Ebenen wirksam. So haben wir langfristige Beziehungen zu den Mitarbeitenden und Lieferanten, aber auch zu den Kunden. Einige von ihnen arbeiten seit drei Generationen mit uns zusammen.» Weinproduktion und Handelshaus Heute ist «Nauer Weine» zum einen in der Weinproduktion tätig, zum anderen führt man ein grösseres Handelshaus. «Das breite Sortiment bringt es mit sich,

dass ein grosser Transfer von Knowhow aus dem Ausland in unsere Eigenproduktion fliesst. Viele Ideen sind bereits aus Übersee und Europa in unsere Produkte eingegangen, dies immer nach dem Motto: Im Ausland Ideen holen und lokal umsetzen.» Nauer bekennt sich zum Spagat zwischen Tradition und Innovation: «Ich bin überzeugt, dass sich beides unter einen Hut bringen lässt. Ich möchte nicht nur das eine oder das andere pflegen. Wir sind zwar ein Traditionsbetrieb, haben

aber schon früh bei den angepflanzten Rebsorten differenziert. Beim Zweigelt waren wir sogar die ersten in der Schweiz, weil wir bereits seit Längerem mit den österreichischen Winzern in Kontakt standen. Die traditionellen Sorten dominieren aber nach wie vor. Aber wenn ich den Konsumenten auf den Pinot noir bringen möchte, geht das oft nicht

auf direktem Weg. Ich muss einen Umweg nehmen, ihn vielleicht mit einem Zweigelt oder einer Assemblage abholen. Oft landen sie schliesslich doch beim Pinot. Er ist eigentlich der Wein, dem meine grösste Aufmerksamkeit gilt.» 80 Tonnen Trauben pro Jahr In einem durchschnittlichen Jahr werden in Bremgarten 80 Tonnen Trauben aus

den Aargauer Gemeinden Bremgarten, Tegerfelden, Döttingen und Klingnau verwertet. Nauer keltert aber auch Trauben aus Graubünden und der Westschweiz. Auf gewissen Stufen wird zudem mit «Halbfabrikaten» gearbeitet, deren Ausbau man besorgt; darunter befinden sich auch solche aus dem Ausland. «Das erweitert unsere Möglichkeiten, weil auf diese Weise doch ein ansehnliches Volumen zusammenkommt. So hat man den Spielraum für grössere Investitionen. Achtzig Tonnen sind nicht wenig, doch würde dies allein manche Investitonen nicht rechtfertigen.

Der Aargauer Wein ist bei uns in der Minderheit. Aber ihm gehört unser Herz.»



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